Schon häufiger haben wir in diesem Blog bei der Suche nach Antworten auch das Triumvirat unseres Bewusstseinsstroms (Gedanken, Gefühle, Empfindungen) heraufbeschworen. Grundlegend sind wir der Meinung, dass uns unsere moderne Art zu Leben zu häufig in eine Dominanz der Gedanken treibt und dass dies neben einigen Vorteilen auch signifikante Nachteile mit sich bringt.
Wenn wir uns aber die zweite Komponente unseres Bewusstseinsstroms genauer ansehen, so fallen auch hier Dinge auf, die es sich lohnt mit Ruhe zu betrachten. Genauer gesagt, haben wir uns die Frage gestellt, ob unsere Gefühle untereinander gleichgestellt Einfluss auf uns haben, oder ob es auch hier Teile gibt, die uns überproportional stark beeinflussen. Als Basisemotionen sind allgemein die Gefühle Freude, Trauer, Wut und Angst etabliert – häufig ergänzt durch Überraschung und Ekel (manchmal Verachtung). Zu diesen Basisemotionen gesellen sich sekundäre Gefühle, die man als Abkömmlinge der Basis bezeichnen könnte. Zu diesen gehören beispielsweise Schuld und Scham, Neugier, Stolz und Eifersucht. Wenn man also ein Koordinatensystem aufspannen würde, dann würde man vermutlich die Basisemotionen als die Achsen verwenden und die sekundären Gefühle in diesem Koordinatensystem eintragen, was eigentlich nur bedeutet, dass sekundäre oder komplexe Gefühle aus den Basisemotionen zusammengesetzt werden können – etwas nerdig gesagt: Basisemotionen sind Eigenvektoren im Gefühlsraum. Nehmen wir zum Beispiel die Sekundäremotion Eifersucht. Da Gefühle immer subjektiv oder höchstens intersubjektiv (wir haben eine gemeinsame Idee, die wir als Teil unserer Realität anerkennen) sind, aber nicht objektiv erfasst werden können, kann man zur Analyse eines Gefühls nur nach innen blicken. Wir selbst würden bei einer solche Introspektive Eifersucht als eine Mischung aus Angst und Wut beschreiben – die Angst verlassen zu werden und die Wut als Antrieb daran etwas zu ändern. Schuld und Scham hingegen sind für uns Gefühle, die Teile von Angst und Trauer oder Wut enthalten – eine Angst vor sozialer Isolation durch Fehlverhalten und Trauer oder Wut, um gesellschaftlich entweder durch Rückzug oder Progressivität in Aktion zu treten. Diese Interpretationen mögen bei dir resonieren oder auch nicht, aber wir sind uns sicher, du kannst unsere Einschätzung zumindest nachvollziehen. Diese Tatsache an sich finden wir faszinierend, noch viel interessanter finden wir allerdings die Beobachtung, dass die Basisemotionen, die einen sehr großen Anteil daran haben, wie wir als Mensch insgesamt agieren, im Kern beschreiben, ob eine Handlung erforderlich ist oder nicht. Nahezu in binärer Weise wird Freude als positives, Trauer und Angst als negatives Gefühl bewertet (bei Wut kann man sich ironischerweise streiten). Warum sind sie positiv und negativ? Einfach gesagt, weil sie uns sagen, was wir suchen und was wir meiden sollen. Wir fühlen uns nicht gut, weil wir uns freuen, sondern die Freude ist die Erscheinung des Signals „weiter so“, ein großer grüner Play Button, in unserem Bewusstsein. Manche „weiter so“s sind uns angeboren (süßes und fettiges Essen), die meisten aber trainieren wir über die Jahre und nennen sie schließlich Erfahrung. In diesem Sinne ist Wut ein Signal ein weiterhin aktives Verhalten einzunehmen, allerdings in einem sozial auffälligeren Modus (ein Fast-Forward-Button), Angst eine Aktivitätssteigerung gen Rückzug (Fast-Reverse-Button) und Trauer ein „halt“, Aktivität einstellen (gelber Pause-Button). Wer die Buttons drückt ist noch eine philosophische Frage, aber wer sie nicht drückt, ist geklärt: wir selbst. Wir entscheiden uns nicht, ob wir wütend oder ängstlich werden, wir werden es einfach. Wie an einem guten Filmabend scheinen jedoch auch unsere Knöpfe des Lebens für den Ziel eines guten Films (bzw. Lebens) den gleichen Regeln zu folgen: Play (Freude) sollte der Normalfall sein, Pause (Trauer) ist manchmal notwendig, Fast-Forward (Wut) und Fast-Reverse (Angst) sind nicht unbedingt notwendig, aber bei manchen Filmen immer wieder hilfreich. Halten wir die Balance eines guten Lebens in diesem Sinne nicht aufrecht, können wir in andere Zustände geraten, die uns verfügbar und dieser Disbalance scheinbar angemessen sind. Diese Zustände erscheinen aus dem Blickwinkel des „Normalzustands Play“ krankhaft zu sein und so werden sie auch medizinisch gesehen einsortiert: Panikattacken (Angst), Depression (Trauer), extreme Aggression (Wut) sind (vereinfachte) Beispiele für außergewöhnliche Zustände dieses Gefühlsmodell. Die vier Buttons könnten uns also auch in dieser vereinfachten Darstellung aufgrund ihrer fundamentalen Eigenschaften gedanklich weiterhelfen – nun stellt sich in Frage: sind diese vier Buttons gleichgewichtet bzw. hat sich an der Gewichtung durch unsere zivilisatorische Entwicklung etwas auffällig geändert? Wenn ja, könnten aufschlussreiche Erkenntnisse daraus gewonnen werden.
Wie wir häufig in diesem Blog betonen, versuchen wir gemeinsam die Welt mit Ruhe und Abstand zu betrachten. Den Trugschluss des arroganten Affens zu vermeiden ist hierbei unser Schwerpunkt, da dies aus unserer Sicht bisher noch viel zu wenig getan wird. Die Gattung der Menschen ist Teil der Affenfamilie und unsere (homo sapiens) evolutionäre Entwicklung noch sehr jung (wenige Millionen Jahre). Noch viel jünger ist unsere explosionsartige kulturelle Entwicklung, die uns in wenigen tausend Jahren (evolutionär gesehen alleine durch ihre kurze Dauer nicht relevant) aus der Natur in eine rein menschlich-soziale Umgebung katapultiert hat. Wenn wir unsere vier Buttons anschauen, dann können wir sie nicht in unserer aktuellen Umgebung verstehen, sondern nur in der, an welche sie über viele Millionen Jahre im Laufe der Entwicklung der Säugetiere angepasst wurde. Wenn wir also an das Leben eines Menschen denken, dann müssen wir uns das Leben in einer kleinen Gruppe von Menschen vorstellen, die sich eher am unteren Ende der Nahrungskette stehend von dem ernährt, was sie finden kann – Früchte, Wurzeln und auch Aas, das Raubtiere übrig ließen. Wir müssen uns vorstellen, dass diese Gruppe in regelmäßigen Abständen mit anderen Menschengruppen aufeinandertrifft und blutige Stammeskonflikte keine Seltenheit sind. Wir müssen uns vorstellen, dass die Kindersterblichkeit sehr hoch und die Lebenserwartung relativ gering ist, sodass Todesfälle von geliebten Menschen ein häufig wiederkehrendes Ereignis beschreiben. Was fällt uns bereits bzgl. Dieser kurzen Beschreibung auf? Wut wird in Konflikten benötigt, um sich verteidigen zu können, schwere Trauer eher jährlich zu erwarten und die Angst diente dem Schutz vor der gefährlichen Umwelt, insbesondere bei der Nahrungssuche. Doch: Nichts davon wird heutzutage in dieser ursprünglichen Form benötigt oder ist deutlich seltener in genau dieser Form angebracht. Nehmen wir zum Beispiel Wut: wann hast du zuletzt dich und deine Familie vor Eindringlingen beschützt oder selbst Jagd auf einen anderen Menschen gemacht? Oder Trauer: Wie viele Kinder hast du bereits verloren, auf wie vielen Beerdigungen warst du überhaupt schon in deinem Leben?
Angst jedoch ist für uns trotz einer Umgebung, die sicherer nie war, allgegenwärtig. Glaubst du nicht? Ängstliche Gefühlsempfindungen sind unter anderem: Unsicherheit, Nervosität, Erschrecken, Entsetzen, Überforderung, ausgeschlossen und unterlegen sein. Während Wut gesellschaftlich zunehmend geächtet wird, etablierte sich die Angst in sozialen Kontexten an derart vielen Stellen, dass sie uns kaum noch auffällt. Du hältst eine Präsentation, kommst zu spät zum Arzt, vergisst den Geburtstag deiner Mutter, machst einen geschmacklosen Witz im Büro, hast als Jugendliche die falschen Klamotten an oder benutzt die falschen Ausdrücke. Du putzt wie ein Wilder bevor dich deine neue Freundin besuchen kommt, putzt dein Auto bevor der Schwiegervater vor der Tür steht, machst Überstunden auch wenn deine Familie dadurch schaden nimmt, arbeitest sogar am Wochenende, wenn die Chefin es verlangt. Du trägst dich in Mitbring-Listen ein, auch wenn du es gar nicht willst, lädst Leute ein die du gar nicht magst und führst Kundengespräche, die dich komplett auslaugen. Oder einfach nur: du bist im Stress. Warum und was empfindest du hier fundamental? Hinter alldem steckt die Angst. Die Angst, unser fast-Reverse Button, wurde im sozialen Kontext zu einem Antreiber umfunktioniert. Anstatt von deinem Job Abstand zu nehmen, der dich erschöpft und deprimiert, legst du Überstunden ein, aus Angst vor Arbeitslosigkeit und Bedeutungsverlust. Viel Arbeit zu haben ist nicht mit Stress gleichzusetzen, das weiß jeder der jemals trotz harter Arbeit am Ende des Tages stolz auf sein Erreichtes zurückgeblickt hat. Stress entsteht, wenn die Angst uns antreibt – Angst vor den Konsequenzen, Angst vor dem Versagen, Angst vor dem sozialen Ausschluss. Keine Emotion wird in unserer modernen Welt häufiger betont, analysiert, verteufelt und als Sündenbock für Krankheiten herangezogen als der Stress. Dabei steckt hinter seiner Maske die gute alte Angst. Schuld und Scham, die die Angst vor sozialer Ausgrenzung verkörpern, haben zudem einen riesigen Teil unserer Gefühlslandschaft eingenommen – eine verständliche Konsequenz unseres hyper-sozialen Lebens. Unsere Basisemotionen, die elementaren Werkzeuge unseres Bewusstseinsstroms, die sehr viel Macht über uns und unsere Handlungen haben, wurden in die Rolle eines Hilfsmittels zur Gestaltung sozialer Dynamiken gepresst – mit spürbaren Folgen.
Wir glauben, dass diese Einsicht helfen kann. Wenn wir wissen, dass unsere Basisemotionen Wut und Trauer unterbeschäftigt sind oder unterdrückt werden, können wir erkennen, dass wir versuchen können, diesen mehr Platz einzuräumen, um eine Balance zu halten, die mehr unserem Naturell entspricht. Nehmen wir uns Zeit zu trauern, lassen wir unsere Wut in angemessener Form zu. Und wenn wir wissen, dass die Angst durch eine Umwidmung im sozialen Kontext häufig überstimuliert wird, können wir versuchen, ihre scheinbare Größe zu erkennen und sie so schrumpfen zu lassen. Wir können versuchen, ihre ursprüngliche Funktion des fast-Reverse anzuerkennen und die Möglichkeiten, die daraus hypothetisch folgen würden, durchspielen. Muss ich beispielsweise in diesem Job bleiben, oder kann ich mit der Angst (Stress, Nervosität, Sorge) gemeinsam nächste Schritte gehen, indem ich tatsächlich gehe und mir einen neuen Job suche? Muss ich alle sozialen Anforderungen an mich erfüllen, die ich wahrnehme oder bin ich Teil einer Gruppe von Menschen, die mir einfach nicht guttun oder sollte ich mich von dieser entfernen? Oder ganz einfach: Ist meine Angst in dieser Situation überhaupt angemessen, sprich, bin ich tatsächlich in Gefahr, oder trägt die eigentliche Situation nur die Maske der Angst und ich wage es nun einen Blick hinter diese Maske zu wagen? Hier achtsam zu bleiben kann nicht nur für uns, sondern auch für unsere Mitmenschen extrem wertvoll sein. Stelle dir eine Welt vor, die nicht aus Angst vor Fremden, vor Neuem, vor Altem, vor der Zukunft, vor der Vergangenheit, vor der Klimakatastrophe, vor Machtverlust, vor den Reichen, vor den Armen, vor Kindern, vor Alten regiert wird, sondern mit Ruhe und Weitblick, um eine bessere Zukunft für alle zu erreichen. Wenn wir uns eingestehen, dass wir eine Herde Schafe mit Atombomben sind, haben wir die Chance, fatale Fehler zu vermeiden.

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