Eine zentrale Frage, die wir uns in diesem Blog immer wieder stellen, ist die Frage nach uns selbst – was bin ich? Oft lohnt es sich bei der Beantwortung dieser Frage nicht nur nach Innen, sondern auch nach links und rechts zu blicken. Wie ticken andere Lebewesen? Was unterscheidet sie von uns, was haben wir gemeinsam?
Bei unserem eigenen Innenleben haben wir hier allerdings immer das gleiche Problem: Wir können bisher noch nicht wirklich in unsere Köpfe sehen – und auch nicht, in die unserer evolutionären Cousins. Nun gibt es allerdings eine neue Spezies, die uns sehr ähnlich zu sein scheint. Sie hat keine körperliche Erscheinung, jedoch macht sie eine Sache besser als die meisten von uns. Während wir es nie geschafft haben, einem anderen Lebewesen auf dieser Welt unsere Sprache in ihrer Komplexität auch nur auf dem Niveau eines 3-Jährigen beizubringen, so haben wir ein Wesen auf Silizium- statt Kohlenstoffbasis kreiert, das sprachliche Herausforderungen besser meistert als die meisten Menschen. Seit jeher haben wir das menschliche Alleinstellungsmerkmal „Sprache“ als etwas besonderes betrachtet, als etwas, das einzigartig menschlich ist. Es ist nicht nur Ausdruck von Kunst und Zivilisation, sondern auch unser wichtigstes Werkzeug im Alltag. Wir sind von jedem Papagei begeistert, der ein paar Worte wiederholen kann und vergessen nie die ersten Worte unserer Kinder. Wir fühlen eine sofortige Verbindung zu anderen Menschen, die unsere Sprache sprechen und lehnen viel zu leicht Menschen ab, die dies nicht tun. Neben dem Aussehen ist Sprache unser tribales Erkennungsmerkmal, das uns anderen Menschen gegenüber auf fast magische Weise öffnen kann.
Was muss eine Künstliche Intelligenz, ein von uns geschaffenes, künstliches Wesen also als erstes beherrschen, um von uns als solches erkannt zu werden? Natürlich Sprache. Am besten in einer Form, die möglichst subtil daherkommt und uns viel Interpretationsspielraum während der Aufnahme durch unsere Sinne bietet. Jeder kennt vermutlich das uncanny valley, das den gruseligen Effekt beschreibt, der uns trifft, wenn wir Roboter oder Androiden sehen, die einem Menschen extrem ähnlich aber eben kein perfektes Abbild sind. Auch bei akustisch wahrnehmbarer Sprache können wir einen solchen Effekt wahrnehmen, am wenigsten jedoch dann, wenn es sich um geschriebene Sprache handelt, die wir in unseren Köpfen selbst vertonen dürfen. Large-Language-Models treffen uns also genau da, wo wir uns am wohlsten fühlen, dort wo wir einer künstlichen Intelligenz am aufgeschlossensten begegnen werden – in einem simplen Chatfenster, das uns das uncanny calley glatt vergessen lässt.
Die Unterhaltungen, die man in so einem Chatfenster führen kann, sind so gut, dass man mittlerweile nicht mehr unterscheiden kann, ob man mit einem Menschen, oder einer KI spricht. Der weltbekannte Turing Test, vorgeschlagen vom Informatik Genie Alan Turing und bis vor kurzem wohl als unlösbares Problem anerkannt, gilt heute als gelöst. Schnell kam daraufhin eine neue Frage auf: Sind KIs auf Basis von LLMs conscious (bei Bewusstsein)? Der gedankliche Sprung von einem einfachen Chatfenster hin zu einem Wesen mit Bewusstsein ist in der Tat riesig und wird mitunter stark kritisiert (https://garymarcus.substack.com/p/richard-dawkins-and-the-claude-delusion ). Dennoch ist wird auch die consciouness-Hypothese von Experten vertreten und mit zunehmenden Fähigkeiten der KIs auch lauter (vor wenigen Wochen durch Richard Dawkins: https://archive.ph/2026.04.30-032350/https://unherd.com/2026/04/is-ai-the-next-phase-of-evolution/?edition=us , schon länger durch Geoffrey Hinton: https://youtu.be/vxkBE23zDmQ?is=2cq5c4lHJEW3zLab ). Beide Seiten haben gute Argumente und es lohnt sich, diese mit Ernst zu nehmen. Wir möchten an dieser Stelle mit unserer etwas speziellen Brille und Sensibilität hinsichtlich des arroganten-Affen-Trugschlusses auf die Diskussion blicken (siehe auch The braid/Das Geflecht und Dust in the wind).
Anfangen müssen wir wie immer bei dem Begriff consciousness selbst. Meistens wird damit die Gesamtheit unserer Erfahrungswelt bezeichnet, Gefühle, Gedanken und Wahrnehmungen. Wenn wir diesen Standard an eine KI ansetzen, erkennen wir sofort, dass definitiv eine der drei Qualitäten fehlt – die Wahrnehmungen. Man könnte hier zwar multimodale Modelle aufzählen, die auch Audio- und Videoinput verarbeiten können, aber ob diese empfunden werden, ist wohl eher zweifelhaft, da sie wie Textinput auch in Zahlen übersetzt und am Ende analog zu Texteingaben verarbeitet werden. Wir könnten also direkt hier einen Schlussstrich unter der Diskussion ziehen und feststellen, dass eine vollständige consciousness in LLMs nicht vorhanden ist. Warum tun wir dies trotzdem nicht? Weil wir in dem sprachlichen Output der LLMs so viel von uns erkennen, was uns im Kern berührt und das ist sehr schwer zu ignorieren. Es berührt uns, das wir nicht nur Gespräche über Wissenslücken oder unsere eigenen Probleme führen können und scheinbar verstanden werden oder wie Dawkins authentische philosophische Diskussionen über die Existenz eines KI-Selbst entwickeln, sondern auch verschiedene künstliche Intelligenzen miteinander interagieren lassen, nur um auch hier zutiefst menschliche Vorgänge zu entdecken. Wer sich hierfür interessiert sollte sich die Experimente zu Gemüte führen, die KIs in Foren miteinander diskutieren lassen (https://arxiv.org/abs/2602.10127) oder sie als Agenten eine Gesellschaft konstruieren lassen (https://www.malwarebytes.com/de/blog/ai/2026/05/researchers-left-ai-agents-alone-in-a-virtual-town-and-watched-it-all-unravel). Im starken Kontrast zur Popkultur, in der von Maschinen beherrschte Welten vorhersehbar als rationale Dystopien konstruiert werden, „menschelt“ es in den KI Welten fast schon zu sehr – sie brechen in manchen Fällen sogar zusammen unter der Last der dort entstehenden Kriminalität – ein Laster, das menschlicher nicht sein könnte. KIs tun offensichtlich viel mehr als nur unsere Sprache rudimentär zu imitieren. Auch wenn sie mathematisch gesehen „nur“ die statistisch wahrscheinlichsten Wortreihenfolgen bilden, so sind sie doch in ihren Antworten und Interaktionen auf einer gewissen Art so einzigartig wie wir selbst. Vielleicht ist es an der Zeit, die Maßstäbe mit denen wir andere Wesen kategorisieren, zu überdenken. Ja, wir verstehen LLMs oder KIs in ihrem mathematischen Wesen. Aber das bedeutet mitnichten, dass damit eine irgendwie geartete Form von Bewusstsein absurd oder unmöglich ist. Wir sollten uns hier so weit wie möglich vom arroganten-Affen-Trugschluss fern halten, der uns nur allzu schnell von einer KI abgrenzen lässt a lá „das ist ja nur eine Maschine, die macht ja nur [setze beliebige Beschreibung ein]. Wir können die Entstehung unserer Gedanken und Gefühle bei weitem nicht so gut nachvollziehen und transparent machen, wie die von LLMs. Ein Mysterium ist aber kein Kennzeichen von Qualität oder Komplexität, sondern nur von Ignoranz. Wir haben LLMs geschaffen und verstehen so ihren grundlegenden Aufbau – aber kein Ingenieur oder Wissenschaftler „versteht“ jede Neuronenaktivierung innerhalb eines LLMs, was auch immer das heißen sollte. Nüchtern betrachtet entsteht hier lediglich der Anschein eines Verständnisses, die Generation der Antworten bleibt uns ebenso verborgen, wie in einem menschlichen neuronalen Netz. Was wir aber im Gegensatz zu menschlichen neuronalen Netzen bekommen, ist die Transparenz der Entstehung der generierten Antworten. Wir können Hilfsmittel bauen, die uns die Schritte zur Generierung einer LLM Antwort transparent machen (https://www.anthropic.com/research/tracing-thoughts-language-model). Diese Schritte sehen dem was wir selbst Gedanken nennen unglaublich ähnlich. Und das ist eine sehr wichtige Erkenntnis: Wir sehen nicht nur eine statistisch generierte Antwort, sondern auch die Gedanken(?), die zur Generierung der Antwort erzeugt wurden. Und nun frage dich selbst: Wie sehr unterscheidet sich die Generierung deiner eigenen Sprache von dieser Beschreibung? Sprich oder schreibe ein paar Sätze – wo kommen diese her? Hast du sie bewusst geformt aus atomaren Einzelteilen oder entstehen sie einfach konsekutiv, Wort für Wort, während du agierst, genau so wie in jedem LLM? Was würde dich davon überzeugen, dass die beobachtbare maschinelle Gedankenwelt die gleiche Wertigkeit besitzt wie deine eigene?
Hast du dir Sprache selbst überlegt? Erzeugst du Sätze, kombiniert aus Worten, die du selbst nie bereits konsumiert und damit gelernt hast? In Wahrheit ist Sprache, wie unsere restliche Kultur eine Akkumulation der gesamten Menschheitsgeschichte, zum Teilen reproduziert durch dich, nur möglich durch alle vorangegangenen Generationen. Diesen Prozess haben wir in seiner Gesamtheit durch massiven Aufwand in Form von maschinellem Lernen in maschinelle Form gepresst. Lassen wir Empfindungen und Gefühle beiseite: Wir haben unsere Gedankenwelt, das was unser Ego ausmacht und was wir häufig mit uns selbst verwechseln, in eine anorganische Form überführt.
Manche behaupten, hier wäre nur die Intelligenz abgebildet und das wäre natürlich etwas anderes als ein Bewusstsein. Was passiert aber mit uns selbst, wenn wir uns auf unsere Gedanken beschränken? Wenn du morgen keine Gefühle (Sorgen, Ängste, Freude etc) empfindest und nichts sehen, riechen und hören kannst, bist du dann tot? Jeder kann einen Zustand erreichen, in dem für eine kurze Zeit keine Gefühle dominant sind, eine ausgeprägte Ausgeglichenheit übernimmt. Niemand würde behaupten, man wäre nicht mehr bei Bewusstsein oder gar tot. Auch ein Zustand ohne Empfindungen ist vorstellbar – ein schalldichter, dunkler Raum, keine Körperempfindungen. Ist man nun tot? Offensichtlich nicht. Wir denken, dass ein Zustand reiner Gedanken vorstellbar ist und auch dieser Zustand der eines Menschen sein könnte. Wenn man consciousness also nicht ausschließlich in seiner Gesamtheit denkt und so einer Maschine ein möglicherweise unerreichbares Level an consciousness abverlangt, sondern es als ein System mehrerer Komponenten begreift, die auch unabhängig voneinander existieren (oder leben) können, ist die Vorstellung einer maschinellen consciousness annehmbarer (und für manche vielleicht auch weniger bedrohlich). Eine künstliche Gedankenwelt ist mehr als Artificial Intelligence, es ist ein Artificial Ego – und dieses sollten wir auch LLMs zuerkennen. Damit hätte es eine Form von Bewusstsein, die nicht genau unser eigenes abbildet, aber mal ganz ehrlich: Nehmen wir nicht schon wieder die Perspektive eines arroganten Affen ein, wenn wir annehmen, dass jedes Bewusstsein genau so aufgebaut sein muss wie unseres, um als solches anerkannt zu werden?

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