Die Substanz des Egos

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Du gehst spazieren, im Wald, in der Stadt, über Wiesen und Felder, an einem Strand. Du spürst den Boden unter dir und die Luft, die dich umströmt. Du hörst Autos, andere Menschen oder Tiere und riechst den öligen Dampf einer Frittenbude. Als Kind hast du schon immer gerne Pommes gegessen, das Highlight eines jeden Freibadbesuchs. In der vierten Klasse, als du gerade unaufmerksam warst, hat dir der dicke Hannes damals die frisch gekaufte Portion Pommes gemopst und so schnell verputzt, dass du den Rest des Tages wütend und hungrig meist außerhalb des Wassers verbracht hast. Was Hannes wohl heute macht? Alle nannten ihn damals den dicken Hannes, weil es eben noch einen zweiten, deutlich dünneren Hannes gab. Irgendwie musste man die beiden ja auseinanderhalten, dachtest du damals. Trotzdem gemein und ganz schön oberflächlich, denkst du heute. Ob das den voluminöseren der beiden Hannes wohl geprägt oder sogar traumatisiert hat, dass er so einen abwertenden Spitznamen von euch bekommen hatte? Andere Szenen fallen dir ein, in denen du dich alles andere als freundschaftlich gegenüber Hannes verhalten hast. Du hast jetzt ein etwas schlechtes Gewissen und trittst simultan in einen strahlend braunen Haufen Hundekacke. Das schlechte Gewissen und der Ärger über die Aussicht jede Ritze deines Sneakersohlenprofils mit einem kleinen Stäbchen von Hundekot befreien zu dürfen multiplizieren sich. Was machst du jetzt? So kannst du dich doch nicht mit Freunden treffen. Nein, du musst schnurstracks nach Hause. Gott bewahre, wenn du jetzt zufällig einem Bekannten begegnest. Dir schießen Szenen von zukünftigen Ereignissen durch den Kopf. Du siehst, wie du krampfhaft versuchst, das braune, klebrige Zeug an der wehrlosen Natur, die dich umgibt, abzustreifen, als dich plötzlich jemand von hinten grüßt. Es ist die Flamme aus deiner Schulzeit, die erst freundlich auf dich zugeht, sich dann aber schnell verabschiedet, nachdem deine gereizte und süßlich stinkende Erscheinung zu viel für sie geworden ist.  Aber auch die wahrscheinlichere Szene, die dir zeigt, wie du leicht würgend deine Lieblingsschuhe säuberst, ist nicht wirklich besser.

Wer bist du? Das hast du dich wahrscheinlich schon häufiger im Leben gefragt. Darauf gibt es viele Antworten, eine Antwort darauf findet sich in der obigen Kurzgeschichte. Dabei beschreibt die Geschichte etwas, das jeder Mensch kennt, nichts neues also. Du bewegst dich im Freien, du bist in Gedanken, dir passiert ein Missgeschick. Was in der Außendarstellung trivial erscheint, ist in deinem Inneren allerdings beeindruckend komplex. Denn deine Gedanken haben dich in kurzer Zeit durch Jahrzehnte deiner eigenen Lebensgeschichte befördert, sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Uns erscheint das so alltäglich, dass es uns kaum auffällt. In Wahrheit bergen diese Vorgänge nicht nur faszinierende Details, sondern geben uns auch Hinweise darauf, wer wir wirklich sind.

Zu Anfang der Geschichte nimmst du wahr, was um dich herum passiert, und zwar genau dort, wo du zu diesem Zeitpunkt auch bist. Du siehst, du hörst, du riechst. Allein dadurch erscheint die Szene friedlich und vertraut. Wertfreie Sinneswahrnehmungen führen zu derartigen Gefühlen, selbst, wenn man sie nur liest. Aber nicht nur Gefühle werden erzeugt, sondern auch der scheinbare König des Triumvirats (Gefühle, Sinneswahrnehmungen, Gedanken) meldet sich zu Wort – die Gedanken. Im Unterschied zu den Gefühlen, die du parallel zu den Sinneswahrnehmungen verarbeiten kannst, nehmen die Gedanken dich rasch voll und ganz ein. Trotz der extrem schnellen Veränderung deiner Wahrnehmung – gerade noch warst du spazieren, auf einmal riecht dein kindliches Ich die Pommes im Freibad – erscheint dir der Übergang so glatt und natürlich, dass du ihn gar nicht bemerkst. Der Ausschnitt aus deiner Vergangenheit bringt dich schnell an den Punkt, an dem du deinen Umgang mit anderen von damals hinterfragst. Warum habe ich mich damals so benommen? Habe ich anderen geschadet, ohne es zu bemerken? Hier passieren viele interessante Dinge gleichzeitig, die zunehmende an Kohärenz verlieren. Zum einen ist diese Freibad-Szene so extrem verzerrt, dass sie keiner objektiven Untersuchung standhalten würde. Erinnerst du dich daran, was du heute morgen gedacht hast, als du auf Toilette warst? Nein, aber natürlich weißt du ganz genau, was vor 20 Jahren im Freibad passiert ist und was Hannes gedacht hat, oder? Wenn wir ehrlich zu uns sind, wissen wir, dass unsere Erinnerung, selbst von zeitnahen Ereignissen alles andere als zuverlässig ist – diese Erinnerung ist Jahrzehnte alt. Viel zu oft schenken wir derart unzuverlässigen inneren Aufzeichnungen viel zu viel Vertrauen. Zum anderen hast du keinen blassen Schimmer davon, was Hannes damals empfand, an was er sich heute erinnert UND was er heute empfindet. Es ist nicht einmal unwahrscheinlich, dass Hannes sich gar nicht mehr an dich erinnern kann und dennoch kann es wie in der obigen Geschichte dazu führen, dass du Gewissensbisse bekommst, da dein gedankliches Selbstbild angegriffen wird. Dieses gedankliche Selbstbild nennen wir Ego.

Unser Ego lebt in unserer Gedankenwelt und nährt sich von vergangen Eindrücken, die wie Wellen in einem Wellenbad immer wieder durch unser Bewusstsein wabern. Erfolgserlebnisse, traumatische und peinliche Erinnerungen und viele andere Geister der Vergangenheit werden uns immer wieder präsentiert, mit aktuellen Ereignissen abgeglichen und Teil eines wachsenden, scheinbar soliden Selbstverständnisses. Doch wie fragil diese prunkvolle Statue von uns selbst und in uns selbst ist, haben wir alle irgendwann erfahren. Wie wir mit dieser Fragilität umgehen, ist eine andere Frage. „Ich muss mich selbst finden“ – vermutlich jeder kennt einen Menschen, der das sagte, bevor er eine Weltreise in Angriff nahm. Hier lauert ein riesengroßes Missverständnis, das man nun leicht durchschauen kann: Wer versucht, durch eine Selbstfindungsreise seine innere Statue zu finden oder gar aufzupolieren, um neue Details herauszuarbeiten, wird enttäuscht zurückkehren. Denn dieses scheinbar solide Meisterwerk, das nur gefunden werden müsse, ist bei näherem Hinsehen zusammengesetzt aus verblichenen, sehr schlecht aufgenommenen und durcheinandergewirbelten Polaroids. Es ist ein Euphemismus diese chaotische Litfaßsäule als eine Geschichte oder einen zusammenhängenden, inneren Monolog zu bezeichnen. Erzählen wir die Geschichte von uns selbst, kompilieren wir diese neu aus den am längsten anhaftenden Bildern der Litfaßsäule. Daher gilt auch: Egal wie lange du polierst, die Substanz deines Egos wird gleichbleiben. Es besteht aus verzerrten und verbogenen Erinnerungen, die durch eine wilde Mischung aus Gefühlen zusammengehalten werden. Und das ist eine gute Nachricht! Denn was nützt uns ein glattes und unveränderliches Ego in einer Welt, die sich stetig verändert und unendlich komplex ist? Wir alle sind Teil einer Welt, die nicht Beständigkeit, sondern Flexibilität einfordert und belohnt. Um diese zu bewältigen, müssen wir nicht nur dem Hier und Jetzt angepasst sein, sondern auch unsere eigene Vergangenheit muss anpassbar und im Fluss bleiben

Ja, dein Ego ist hilfreich und seine groben Umrisse haben eine Bedeutung für dich und deine Mitmenschen. Nein, es beschreibt nicht das, was du bist, nicht einmal ansatzweise. In jedem Moment kannst du sein, wie du möchtest. In jedem Moment kannst du neu anfangen. Genau jetzt kannst du aufstehen, dich in den Zug setzen und einen neuen Ort erkunden, neue Menschen kennenlernen, ein neues Leben führen.

Jetzt auch.

Jetzt auch.

Das, was du genau jetzt bist, das was du spürst, fühlst und denkst, das bist du. Doch versuche dir in Momenten der Angst, der Verzweiflung, der Schuld und Scham vor Augen zu führen, dass du dir, ohne es zu merken, aus einem kleinen Teil deiner Gedanken ein Polaroid-Männchen gebaut hast – und genauso ernst solltest du es auch nehmen. Es verändert sich ständig und ist keine Konstante in deinem Leben, sondern nur ein Hilfsmittel, so wie deine Fähigkeit sowohl mögliche Vergangenheiten als auch mögliche Zukünfte mental durchzuspielen. Denke daran, dass beides unzuverlässig und nur selten wahr ist, im Gegensatz zu dem Hier und Jetzt in dem du tatsächlich existierst –  so wird dir auch der ein oder andere Hundehaufen erspart bleiben.

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